Eine Hand wäscht die andere …

Für eine harmonische Beziehung ist ein ausgewogenes Verhältnis aus Geben und Nehmen unerlässlich!

„Geben ist seliger denn Nehmen“, heißt es doch so schön in der Bibel. In dieser Weisheit mag auch tatsächlich viel Wahres stecken, aber für eine Partnerschaft ist sie leider nur bedingt tauglich, denn es kann ja nicht das erstrebenswerte Ziel einer Beziehung sein, dass ein Partner immer nur gibt, während der andere immer nur nimmt …

Davon weiß Marion ein Lied zu singen: „Am Anfang unserer Beziehung waren mein Freund und ich bis über beide Ohren verliebt und stimmten all unsere Pläne, all unsere Vorhaben und all unsere Aktivitäten aufeinander ab. Das fiel zunächst auch nicht schwer, denn jeder von uns hatte das Bedürfnis, dem anderen entgegenzukommen und Kompromisse zu schließen, mit denen beide gut leben konnten.“

Leider blieb das auf Dauer nicht so, sondern veränderte sich im Laufe der Zeit, wie Marion weitererzählt: „Ich weiß nicht, wann diese Entwicklung einsetzte, denn ich kann keine konkrete Situation benennen, aber mehr und mehr bürgerte sich in unserer Partnerschaft ein, dass eher das gemacht wurde, was Robert wollte. Immer öfter weigerte er sich, sich an der Hausarbeit zu beteiligen oder das zu tun, was mir Freude bereitete. Immer öfter gab er die Richtung vor – egal, ob es sich um den Haushalt oder neue Anschaffungen handelte, um die Wahl der Urlaubsdestination oder die Abendgestaltung: Es geschah immer, was er wollte!“

Die Abwärtsspirale

Warum sich Marion das gefallen ließ und sich nicht dagegen wehrte, ist leicht zu erklären: „Wenn Robert nicht seinen Willen durchsetzen konnte, spielte er die beleidigte Leberwurst – und damit die Stimmung nicht in den Keller sank, tat ich eben, was er wollte. Lange Zeit fiel mir gar nicht auf, dass das Ganze schon längst eine Eigendynamik entwickelt hatte und zur Gewohnheit geworden war …“

So kam es, wie es kommen musste: Eines Tages wurde Marion bewusst, dass ihr Partner schon längst das Sagen in der Beziehung hatte und sie eigentlich nur die zweite Geige spielte! „Das Ganze eskalierte zu einer Zeit, als ich meinen Job verloren hatte und entsprechend deprimiert war. Ich suchte bei Robert eine Schulter zum Anlehnen und erwartete, dass er sich nun mehr um mich und meine Bedürfnisse kümmern würde. Ich wünschte mir, dass er mich trösten und mir helfen würde, einen neuen Job zu finden.“

Diese Hoffnung erfüllte sich leider nicht, wie Marion weitererzählt: „Robert beklagte sich nur, dass mit mir nichts mehr anzufangen wäre und unsere Beziehung nicht annähernd so erfüllend für ihn wäre wie früher. Erst da erkannte ich, dass wir in einer Sackgasse angekommen waren, aus der nur schwer ein Ausweg zu finden sein würde.“

Quid pro quo

Für einen Außenstehenden ist es nicht schwer zu erkennen, was in der Beziehung von Marion und Robert schiefgelaufen ist! Die junge Frau war einfach zu nachgiebig und allzu sehr um Harmonie bemüht, um zu erkennen, dass sie mit ihrem Verhalten die Führungsrolle an ihren Freund abgetreten hatte und längst schon die Nummer zwei in ihrer Partnerschaft war!

Jeder, der eine Beziehung eingeht, muss sich von vornherein der Tatsache bewusst sein, dass beide Partner dieselben Rechte und Pflichten haben und keiner dem anderen überlegen ist – geschweige denn, ihn dominieren darf! Soll eine Beziehung harmonisch verlaufen, dann sind Menschlichkeit und Kompromissbereitschaft unerlässlich. Ebenso unverzichtbar ist aber die Einsicht, dass Hilfsbereitschaft und Aufopferungswille niemals zu einer Einbahnstraße werden dürfen: Wer immer nur gibt, ohne etwas dafür zu bekommen, muss einfach mit der Zeit verarmen – finanziell ebenso wie emotionell!

Besser als die Empfehlung „Geben ist seliger denn Nehmen“ würde sich für eine Beziehung demnach der im Rechtswesen verbreitete Grundsatz „Quid pro quo“ eignen. Das heißt wörtlich so viel wie „Dies für das“ und bedeutet, dass jemand, der etwas gibt, eine angemessene Gegenleistung zu erhalten hat.

Auf eine Partnerschaft bezogen würde das heißen, dass beide Seiten für eine ausgeglichene Bilanz aus Geben und Nehmen in der Beziehung sorgen müssen! Kommt es erst einmal zu einer Schieflage, dann muss die Partnerschaft einfach instabil werden: Wenn Geduld, Verständnis und nicht zuletzt Liebe nur in eine Richtung fließen, so kann das auf Dauer nicht gut gehen!

Wehret den Anfängen!

Dabei stellt sich die Frage, warum sich manche Menschen eher defensiv verhalten und ausnutzen lassen, während sich andere offensiv geben und zu Nutznießern werden? Die Gründe dafür liegen zumeist in der Persönlichkeitsstruktur der Betroffenen, denn allem Anschein nach gibt es so etwas wie prädestinierte „Geber“ und „Nehmer“. Erstere sind selbstlos und stets bereit, nachzugeben und für andere da zu sein, Letztere sind unnachgiebiger und in erster Linie auf ihr eigenes Wohl und ihre eigenen Bedürfnisse bedacht.

Dass jemand zum „Geber“ wird, kann an einer übertriebenen Gutmütigkeit ebenso liegen wie an einem ausgeprägten Helfersyndrom oder an einem übersteigerten Harmoniebedürfnis – und damit an der grenzenlosen Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Egal, zu welcher Kategorie man gehört: In allen Fällen ist es unerlässlich für die Leidtragenden, ihr Verhalten zu überdenken und sich der Tatsache bewusst zu werden, dass „gut gemeint“ oft das Gegenteil von „gut gemacht“ ist!

Je früher die Betroffenen dies erkennen, desto größer sind die Chancen, das Ruder noch in die richtige Richtung herumreißen zu können. Hat man hingegen die Überfuhr verpasst und so etwas wie ein „Gewohnheitsrecht“ einreißen lassen, so fällt dies schon wesentlich schwerer! Dennoch ist es nie zu spät für eine Kurskorrektur, denn es ist allemal besser, das Schiff durch die tosende Brandung zu steuern, als an den Klippen der Beziehung zu zerschellen!

So geschah es dann auch mit Marion und ihrem Freund: „Als mir bewusst wurde, wie sehr sich unser Rollenbild in der Partnerschaft zu meinen Ungunsten verändert hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als ein ernstes Wort mit Robert zu sprechen. Ich schilderte ihm, wie sehr mich sein Verhalten enttäuscht und verletzt hatte. Ich sagte ihm klipp und klar, dass unsere Beziehung unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr vorstellbar für mich war. Und ich erklärte ihm, was ich mir stattdessen von einer harmonischen Partnerschaft und einem verständnisvollen Freund erwartete!“ Natürlich sorgten Marions Worte bei Robert zunächst für Befremden, aber nach einiger Zeit musste er ihr recht geben und gelobte Besserung …

Christian

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